Verliere nicht dein Laufen!

Sonst verlierst du dein Leben…

Gilt auf den ersten Blick nur für Lauftiere. Für uns Menschen nicht, oder? Wir haben doch Autos, Rollatoren, Rollstühle und die fahrbaren Betten im Altersheim. Wir bleiben mobil, selbst wenn unser Körper es nicht mehr ist. Viele, die ihre Mobilität durch einen Unfall verloren haben, können durch unterstützende Technik ihre Würde und ein gewisses Maß an Freiheit zurückgewinnen. Andere, die sich ihr Laufen aus Bequemlichkeitsgründen abgewöhnen, enden nicht selten in einem bedauernswerten Zustand des Nicht-mehr-Gehen-Könnens.

Ich schaue mir oft an, wie alte Menschen unterwegs sind. Wer einen Stock oder Rollator benutzt, und wer noch gut aus eigener Kraft ohne Hilfsmittel vorwärtskommt. Jetzt fallen mir die Lauftiere wieder ein: solange sie leben, können sie sich aus eigener Kraft fortbewegen. Selbst wenn auch sie von Arthrose nicht verschont bleiben, sie bewegen sich viel kraftvoller und anmutiger als die meisten alten Menschen. Warum wohl? Weil sie nie die Wahl hatten zwischen dem Laufen aus eigener Kraft und der motoriserten, passiven Fortbewegung. Weil sie ihr ganzes Leben lang wieder und wieder rennen mussten und nicht immer nur „würdevoll“ gehen. Sie sind einfach fit geblieben, weil das für ihr Leben von zentraler Wichtigkeit ist.

Wenn ihr es gut erwischt habt, macht euch die Fortbewegung ohne Hilfsmittel immer noch eine Menge Spaß (so wie den meisten kleinen Kindern). Sie aufzugeben, weil wir gerne jede Mühe vermeiden, ignoriert die Tatsache, dass Mühe nur ein Wort ist, eine Vorstellung. Natürlich strengt es mehr an, einen steilen Berg raufzulaufen, als die gleiche Strecke im Auto zurückzulegen. Wer aber jeden Tag den steilen Berg raufläuft, wird bald keine Mühe mehr damit haben.

Nur wer Mühe vermeidet, wird von ihr geplagt.

Vielleicht kennt ihr dieses Kopfkino ja von Regentagen: wir hatten uns vorgenommen, morgens zu laufen, aber schon vor dem Aufstehen hören wir den prasselnden Regen. Wer dann trotzdem laufen geht, findet das Wetter schon nach kurzer Zeit viel weniger schlimm als es sich noch im Bett anhörte.

Im Machen erkennen wir, dass viele unserer Grenzen nur in der Vorstellung existieren.

Macht’s einfach: geht laufen und ihr werdet euer Leben nicht verlieren. Und behaltet deshalb eure Würde und Freiheit. Wie die Tiere, denen wir uns – grundlos – so überlegen fühlen.

Ein Gedanke zu: Verliere nicht dein Laufen!

  1. Schön geschrieben! Und wahr. Der Mensch geht in Ruhe kaputt. Um es mit Herbert Grönemeyer zu sagen: Stillstand ist der Tod, geh voran, es bleibt alles anders.

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