Verpixt Euch!

Die Digital Natives waren gestern. Zugegeben, der Hype um Web 2.0, Industrie 4.0 und Mensch irgendwas.0 war riesig, aber bei hellem Licht betrachtet hat er uns nicht weitergebracht. Zu sehr wurden die Dinge vergröbert, um sie einem Computer (oder – wenn ihr unbedingt wollt – einer todesgeilen Smartwatch) verständlich zu machen und damit steuern zu können. Aber eins nach dem anderen…

Wisst ihr noch, warum die europäische Ariane 5 Trägerrakete beim Erstflug abstürzte? Es gab einen Softwarefehler, weil der Speicherplatz für eine Variable zu klein dimensioniert war (zum Nachlesen für IT-Affine empfehle ich den entsprechenden Artikel in der Wikipedia). Kurz: das Programm, das noch aus der Vorgänger-Rakete Ariane 4 stammte, kam mit den Daten des Ariane 5 – Flugs nicht zurecht. Ein Problem, das alle digitalen Systeme haben: man muss ihnen die Realität in verdaubaren Häppchen servieren, denn sie verstehen nur 0 und 1. Und das auch nur in handlichen Portionen; wer öfters Backups seiner Festplatte macht, kennt das Problem.

Als wir anfingen, unsere realen Daten digitalen Systemen zu geben, damit diese etwas sinnvolles tun, mussten wir uns auf die simpelsten Daten beschränken. Für uns Läufer bedeutete das: eine kärgliche Berechnung unseres Herzschlags. Mit einem Satz GPS-Daten vielleicht noch unsere Laufgeschwindigkeit oder die zurückgelegte Distanz. Oder die Laufstrecke auf einer Karte, oft genug verfälscht, wenn mal kein Satellit in Sicht war. Nun ja, sind wir halt mitten durch den Wald gerannt. Wir sind es ja gewohnt, Abstriche an der Wahrheit zu machen, hauptsache sie ist digitalisiert. Unsere wertvollsten Daten – die propriozeptiven Informationen – konnte kein System der Welt verarbeiten. Nicht in der Geschwindigkeit, in der unser Körper sie produzierte. Alleine die Daten der 70.000 Nervenenden in der Fußsohle, die bei jedem Schritt aus Leibeskräften feuern, um aufs Allerfeinste steuern zu können, mit welchen Teilen des Fußes wir uns abdrücken und welche wir besser entlasten müssen, hätten alle jemals gebauten Computer um Dimensionen überfordert. Und dabei war dies noch der kleinste Teil der Infos, die wir zum Laufen brauchen.

Kein Problem, meinten die Ingenieure: „Wir arbeiten mit Modellen, und die sind bekanntermaßen immer eine Vereinfachung. Eine Vergröberung, die einfach nur zulässig sein muss: zu starke Vereinfachungen sind ebenso zu vermeiden wie Interpretationen der Messwerte, die zu falschen Annahmen führen.“ Konsequent wurde die ganze Welt verpixelt. Alle akzeptierten sehr bald, dass die Systeme die Welt nur in Form eines grotesk reduzierten Datenmaterials verarbeiten konnten. Kommunikation wurde auf Signale wie [Like] oder [LoL] reduziert, Freundschaften wurden auf Knopfdruck statt in realen Augen-Blicken geschlossen, Menschen auf ein stupides Profil reduziert, das die meisten auch noch maßlos geschönt haben. Immerhin konnten Facebook-Nutzer ab 2014 im Profil bei der Angabe des Geschlechts aus 60 Möglichkeiten wählen, was als großer Fortschritt gefeiert wurde.

Der prinzipielle Widerspruch eines schnellen Umgangs mit den Daten („IT hat schnell zu sein“) und einer angemessenen Berücksichtigung aller Zwischentöne des realen Lebens konnte auch durch die Modelle der intelligentesten IT-Systeme nicht aufgelöst werden, im Gegenteil: Alles verschlimmerte sich immer mehr. Endpunkt der Entwicklung war die freiwillige Anpassung der Individuen an die Möglichkeiten der Systeme. Es ist heute noch unklar, warum so viele Menschen diese extreme Simplifizierung klaglos hingenommen haben. Man nimmt an, dass der zu erwartende Komfortgewinn die Anwender dazu brachte, sich immer weiter zu verpixeln, bis sie von den Algorithmen störungsfrei verarbeitet werden konnten. Wer das mal perfekt in Literatur umgesetzt genießen möchte, dem empfehle ich das Buch Next von Miriam Meckel.

Und dann schlug das ganze um: immer mehr Verpixelte erwachten aus dem Dauerkoma der digitalen Unterhaltung. Stellten fest, wie falsch das Leben durch die Verpixelung wurde, und beendeten ihre freiwillige Knechtschaft. Sie hörten einfach auf, elektronisch zu kommunizieren. Und durch den Verzicht auf diese nur scheinbar effiziente Technik gewannen sie auch noch Zeit. Jede Menge Zeit, die sie mit dem Genuss des jahrelang verschmähten RL (realen Lebens) – in der Gemeinschaft – verbringen konnten. Sie legten die Technologie nicht komplett ab, aber sie nutzten sie nur noch in Notfällen, so wie einen Feuerlöscher. Den muss man ja auch nicht den ganzen Tag vors Gesicht halten.

Die analoge Avantgarde hatte vielerorts Gegenwind, aber dort, wo sie sich entwickelte, war der kaum zu spüren: außerhalb des Internets gab es keine Shitstorms anonymer Trolle, sondern nur Mitleid für alle, denen ihre Lebenszeit so wertlos erschien, dass sie sie mit belanglosem Geschnatter totschlagen mussten. Eine Zeit lang lebten beide Gruppen in derselben Welt: die analogen Aufgewachten, die Spaß daran hatten, anderen Menschen in die Augen zu schauen und sich freundlich mit ihnen zu unterhalten oder auch mal an ihnen zu riechen, und die eingerollten Smombies, die – den Blick auf ihr primitives externes Gehirn gerichtet – zwischen den Analogen orientierungslos umherirrten und nicht selten mit ihresgleichen zusammenstießen. Sie bemerkten nicht einmal die Zunahme der vielen kleinen Botschaften auf Wänden, Stickern, Buttons und auch auf den Gesichtern der Aufgewachten: „Verpixt euch!„. Und dann passierte etwas seltsames: die Digital Natives verschwanden von einem Tag auf den anderen. Aus heutiger Sicht ist das nur damit zu erklären, dass ein Hackerangriff die Server von Facebook, Google, Apple und Amazon zerstörte.