Warum barfuß laufen?

Dieser Blog macht meine eigenen Erfahrungen mit dem Laufen ohne Schuhe öffentlich. Es ist daher selbstverständlich, dass ich an zentraler Stelle explizit mache, was das für mich bedeutet.

Erstmal tauen wir das Glatteis weg, auf dem man bei Klärung der Frage „was meint barfuß laufen?“ schnell mal ins Rutschen kommt:

Barfuß laufen meint: ohne Schuhe laufen

no_barefoot_shoesDas ist wirklich wörtlich gemeint. Nachdem ein paar pfiffige Hersteller erkannt haben, dass es einen Trend zur Fortbewegung ohne Schuhe gibt, sahen sie ihre Felle davonschwimmen und erfanden kurzerhand Barfuß-Schuhe: ein kaum zu toppender Widerspruch. Lustig was?

Der wirkliche Barfuß-Läufer läuft tatsächlich ohne jegliche Schuhe. Und ohne Socken (auch ohne die von mir in „Ich, der Leguan“ getesteten Laufsocken).

Das bedeutet nicht, dass ein wirklicher Barfuß-Läufer dann schon keiner mehr ist, wenn er diese seltsamen Barfuß-Schuhe trägt, aber dazu später mehr…

Barfuß laufen meint: sich nach dem maximalen Bodengefühl sehnen

barfuss_auf_sandJetzt kommen wir der Sache schon näher: man muss schon mal ganz ohne Schuhe gelaufen sein und das Gefühl toll gefunden haben. So toll, dass man es immer wieder spüren muss. Auch hier wäre es zu einfach, den täglichen Jogging-Kilometer am Urlaubsstrand als Maß der Dinge für die Bodenwahrnehmung anzunehmen.

Ganz anders: man muss den Sand, den Asphalt (auch den rauhen), den Wald und auch die löchrigen Wiesen kennen gelernt haben und sie alle lieben, sonst kann das nicht funktionieren. Wer die schwierigen Böden meidet, sollte sich lieber nicht für einen Barfuß-Läufer halten, denn er kennt die wahren Fähigkeiten seiner Füße nicht, mit allen Untergründen zurecht zu kommen. Das heißt natürlich nicht, dass man auf jedem Boden ebenso schnell vom Fleck kommen muss wie der Schuh-tragende Laufkollege, sondern nur, dass man seine Füße den Untergrund meistern lässt, und das tun sie mit durchaus unterschiedlichem Speed. So: wer dann nach 3 Tagen barfuß auf Asphalt freiwillig wieder den steinigen Waldboden wählt, ist für mich ein richtiger, leidenschaftlicher Barfuß-Läufer.

Barfuß laufen meint: auch im Kopf unbekleidet sein

Wolfgangs Kopf Drahtmodell mit Farbzonen und UnschärfenDas Großartige am barfüßigen Laufen ist die Freiheit von allen Zwängen. Keine Schuhe, keine Socken, kein Problem bei Nässe (ein Problem muss ich zugeben: die Kälte). Wenn wir bereit sind und es zulassen, überträgt sich diese Freiheit auch auf unseren Geist: Laufen ohne ablenkende Gedanken oder piepsende Sensoren, schreiende oder blinkende Displays oder dröhnende MP3-Player.

Ohne Kino im Kopf unterwegs zu sein ist leichter, wenn man keine Schuhe trägt: erstens füllt einen die Wahrnehmung der Sohlen aus, zweitens achtet man auch mehr auf den Untergrund, und drittens ergibt sich fast zwangsläufig ein sehr angenehmer, rhythmischer, federnder, weicher Laufstil, der kaum noch Platz lässt für Gedanken an den Job oder die Probleme mit dem Auto.

Barfuß laufen meint: Schutz vor Verletzungen

Jetzt scheint es endgültig paradox zu werden: tragen wir nicht deshalb Schuhe, um uns vor Verletzungen an Sohle oder Gelenken zu schützen? Es stimmt: genau deshalb tragen wir Schuhe. Wir erwarten, durch das Tragen der Schuhe Verletzungen vermeiden zu können. Nun ja, wir spielen auch Lotto, um irgendwann mal 6 Richtige zu haben. Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt. Tatsächlich kann man erwarten, dass das Laufen mit Schuhen – wenn man nennenswerte Umfänge läuft – fast bei jedem Läufer früher oder später zu Verletzungen führt. Jetzt schauen wir mal ins Tierreich: wer kennt einen Affen mit Achillessehnenproblemen, eine Spinne mit Shin Splints, einen Wanderfalken mit Wadenverhärtung oder Hühner mit Hüftbeschwerden? Hm, die Tiere können zwar nicht sprechen und uns ihre Verletzungen anvertrauen, aber die Biologie weiß, dass die bei Läufern so gerne als schicksalhaft bezeichneten Wehwehchen bei unseren tierischen Mitgeschöpfen die absolute Ausnahme sind. Die enorme Zunahme von Läufer-Verletzungen nach dem Aufkommen der modernen Laufschuhe lässt dringend vermuten, dass etwas grundsätzlich falsch sein muss am Laufen mit Schuhen, und bei näherem Nachdenken müsste eigentlich jeder selbst drauf kommen: wir kommen mit dem Schuh anders auf dem Boden auf als ohne, wodurch die gesamte Bewegungsabfolge – den ganzen Körper hindurch – sich dedornutlich anders abspielt. Anders als evolutionär vorgesehen und in tausenden von Jahren optimiert. Es ist absolut logisch, dass es zu negativen Effekten kommt. Die besonders Robusten sind vielleicht weniger betroffen, aber in Gefahr ist prinzipiell jeder Schuh-Läufer.

Natürlich kann sich auch der barfüßige Läufer verletzten, wenn er auf gefährlichem Terrain unterwegs ist oder seine Fußmuskulatur noch nicht stark genug ist. Wer sich aber das Laufen ohne Schuhe langsam erschlossen hat und seinem Körper Zeit lässt, sich zu entwickeln, wird von Laufverletzungen dauerhaft verschont bleiben.

Barfuß laufen meint: die Technik des Laufens ohne Schuhe

muskeln_im_waldIch greife den Gedanken vom Anfang wieder auf: ein Barfuß-Läufer ist auch dann einer, wenn er Schuhe trägt. Vorausgesetzt, er läuft in der Technik des Barfuß-Läufers. Und diese muss nicht zwingend im Rahmen eines Laufseminars erlernt werden, sondern reift von alleine, wenn man dem Körper folgt und ihn tun lässt, wonach er verlangt. Die einzigen Zutaten sind variable Geschwindigkeiten und unterschiedliche Untergründe. Das erste, was man als Neuling aufgibt, ist das Fersenlaufen. Das tut so weh, dass es niemand freiwillig weitermacht, wenn er die Schuhe auszieht. Automatisch kommt so was wie Vorfußlauf, aber auch der macht erstmal Probleme; Achillessehne und Waden sind schnell überlastet. Bis man – dank dem schwierigen Terrain eines steinigen Waldbodens – merkt, dass man auch seine Zehen benutzen kann, um den Impact zu reduzieren. Greift man dann den Boden (der Plantarreflex, ein ganz natürlicher Vorgang, der durch Laufschuhe behindert wird), werden Achillessehne und Waden sogar entlastet, weil sie keine harten Schläge mehr bekommen, und so geht die Technikentwicklung automatisch weiter. Schließlich merkt man dann, wie wertvoll die Arme sind, wenn sie den gestreckten und federnden Körper über Rücken und Becken steuern, und schon ist man – fast von selbst – bei einer Lauftechnik gelandet, die ausdauernd, kraftsparend und Verletzungen vermeidend ist.

Barfuß laufen meint: Begeisterung und Dankbarkeit

smiley_fussIch bin durch eine lange Reihe von Zufällen, aber auch durch neugieriges Herantasten beim Laufen ohne Schuhe gelandet. So natürlich das Barfuß-Laufen ist und so selbstverständlich es auch in anderen Teilen der Welt sein mag, so misstrauisch wird man unterwegs von vielen Zeitgenossen gemustert. Fällt aber alles nicht ins Gewicht, denn: mich hat noch nie etwas beim Sport in vergleichbarer Weise begeistert. Wenn ich ohne Schuhe laufe, fühle ich eine intensive Dankbarkeit gegenüber der Natur. Und wenn es mir dann noch gelingt, über diesen Blog oder die Kontakte, die über ihn entstehen, die eigenwillige innere Schönheit des barfüßigen Laufens zu vermitteln, hat sich das Schreiben schon gelohnt.