Wie ich laufe

Wie ich laufe? Was ist denn damit gemeint? Meine Lauftechnik? Meine Trainingsprogramme? Meine geistige Verfassung?

Nein. So gerne ich auch über all diese Themen schreibe, heute geht es mir um etwas ganz banales: um die Art, wie ich einen Lauf beginne und anschließend variiere.

Rückblick

Als ich noch fleißig für Wettkämpfe trainierte, mussten bestimmte Streckenabschnitte in einer bestimmten Zeit zurückgelegt werden, sonst kam ich mir nicht fit vor. Schlimmer noch: schon die ersten 800 m der Hausstrecke (bevor es auf den Rundkurs geht) waren bei Tempo-Einheiten schnell zu laufen, damit ich mich für die folgenden 5, 10 oder 15 km fit fühlen konnte. Also mit kaltem Körper gleich in die Vollen. Dumm, nicht wahr?

Heute

Nachdem ich auf Barfuß-Laufen umgestiegen bin, geht so ein Kaltstart gar nicht mehr. Ohne Schuhe sind die Fußgelenke viel freier beweglich. Sie wollen warmgelaufen werden, um elastisch zu sein. Außerdem muss ich jeden Tag aufs Neue lernen, die kleinen Steinchen und sonstigen Störenfriede zu ertragen, die auf den Wegen liegen. So was dauert immer bis zu 3 Kilometer, je nach Zustand und Temperatur des Bodens.

Der Flow

Behutsamer Beginn

Ich lasse also den Lauf von Anfang an geschehen:  ich gehe die ersten 300 m zu Fuß. Dann fange ich an, langsam zu traben. Mache dabei ganz kleine Schritte, die immer möglichst in der Nähe des Körperschwerpunkts aufsetzen. Von alleine kommt es dann nach ein paar hundert Metern zu einem schönen Rhythmus der kleinen Schritte; ein federndes Gefühl entsteht.

Schneller mit warmen Füßen

Die Füße sind inzwischen warm und elastisch geworden und verlangen von selbst nach einem etwas festeren Abdruck, wodurch sich die Schrittlänge erhöht. Bei gleichbleibend hoher Schrittfrequenz komme ich also schneller vorwärts. Meine Pace liegt jetzt irgendwo zwischen 5:30 und 6:15 Min / km. Das ist für unglatte Oberflächen (Steinchen, Fruchtschalen, rauher Asphalt etc.) angemessen, um die Sohle auf längeren Strecken nicht zu ruinieren. Zum Vergleich: mit Schuhen hatte ich dann schon 4:15 bis 4:45 Min/km drauf.

Jetzt ist ein Zustand erreicht, der Lust auf Abwechslung macht.

Wiesen

Komme ich an einer Wiese vorbei, nutze ich sie. Und wenn es nicht gerade knöcheltiefe Löcher sind, machen Unebenheiten extrem viel Spaß. Füße bei ihrer eigentlichen Arbeit. Auch wenn es gar keine Arbeit ist, sondern pure Freude. Auf Wiesen laufe ich auch manchmal deutlich schneller. So schnell, dass ich nach 300m das Tempo wieder rausnehmen muss. Lauftrainer nennen sowas Fahrtspiel.

Pfützen

Pfützen sind mit Vorsicht zu genießen: erstens bilden sich Pfützen immer in Vertiefungen, in denen auch sonstige (im schlimmsten Fall scharfkantige) Kleinobjekte liegenblieben. Zweitens kühlt ein nassgespritzter Unterschenkel bei niedrigen Temperaturen auch schneller aus als einem lieb ist.

Glatter Asphalt

Strecken mit glattem Asphalt erinnern mich an früher. Sie fühlen sich an, wie wenn ich in meinen Huaraches, FiveFingers oder SoleRunners unterwegs war. Nichts piekst in die Sohle, die Ferse berührt nur noch sanft den Boden und alles fließt flott dahin. Bis zur nächsten Einmündung, auf der die Trecker wieder jede Menge kleiner Steinchen verloren haben. Dann gehe ich runter mit dem Speed.

Im Flow

Irgendwann – meistens ab km 7 – ist das Laufen dann so automatisiert, im Rhythmus und im Fluß, dass ein sehr entspanntes Gefühl entsteht. So könnte es noch beliebig lange weitergehen. Und tatsächlich: bei meinen bislang längsten Barfuß-Läufen hielt das Gefühl auch nach km 30 noch immer an.

Abrieb vermeiden!

Anders als beim Laufen in Schuhen bleibt der Fuß während des Bodenkontakts ohne jede Reibung am Boden „kleben“. Das musste ich auch erst lernen (wenn man das falsch macht, brennt die Sohle irgendwann zunehmend). Nur dadurch ist es möglich, Reibungen zu vermeiden, die bei langen Läufen zu Blasen führen.

Und hinterher?

Nach dem Laufen schaue ich mir meine Fußsohlen an. Blasen habe ich schon seit über einem Jahr nicht mehr bekommen. Öfter schon habe ich mir kleine Partikelchen (Bruchstücke von Steinchen oder Scherben) in die Sohle getreten, ohne dass es geblutet hat. Merke ich sowas, entferne ich sie später am Tag. Sind sie nicht zu spüren, verkapselt sie die Fußhaut und wird sie irgendwann nach ein paar Wochen von alleine wieder los. Perfekte Selbstreparatur.

Gesundheit!

Von Gegnern des Barfuß-Laufens wird immer wieder behauptet, dass „das barfüßiges Laufen auf harten Oberflächen den Gelenken schadet, weil sie doch erheblichen Schlägen ausgesetzt sind: Asphalt ist keine Steppe! Geeignete Schuhe hingegen dämpfen die Schläge und schützen so die Gelenke.“
Was die Dämpfungs-Fähigkeiten der Schuhe betrifft, will ich nicht widersprechen. Es ist kaum möglich, durch eine elastische Schuhsohle hindurch einen Knochen direkt und so hart zu treffen, dass er bricht. Dies kann durchaus bei einem untrainierten Barfuß-Läufer passieren, wenn er mit den Mittelfußknochen auf einen großen, kantigen Stein prallt. Sind aber die Fußmuskeln entsprechend stark trainiert, ist der Fuß zu einem unvergleichlich flexiblen Instrument geworden, das sich über seine Sensoren, Muskeln, Sehnen und Bänder (und nicht zuletzt über die stärkeren Knochen) selbst schützt. Und wenn es wirklich gefährlich werden könnte, führt schon die Empfindlichkeit der Sohle dazu, langsamer zu werden und die Belastung zu reduzieren. Das ist auch inzwischen mein Hauptargument gegen Minimal-Schuhe: sie reduzieren das Oberflächengefühl in der Sohle und führen dazu, über unangenehme Böden mit höheren Geschwindigkeiten zu laufen als barfuß. Und traditionelle Laufschuhe führen zu komplett unterschiedlichen (und aus meiner heutigen Sicht unnatürlichen) Reaktionen auf den Boden. Kein Wunder, dass es trotz permanenter Weiterentwicklung der Schuhe nicht gelingt, die hohe Zahl von Überlastungs-bedingten Verletzungen zu reduzieren. Ein Armutszeugnis für die Schuhhersteller!

Ich habe durch das Barfuß-Laufen eine noch zu Schuh-Trage-Zeiten erworbene schlimme Achillessehnen-Überlastung vollständig auskuriert, und zwar ohne wochenlange Laufpausen. Ich habe einfach immer genau den Umfang gelaufen, den die stärker werdende Sohle problemlos mitgemacht hat, und laufe heute ohne irgendwelche Beschwerden zwischen 50 und 100 km / Woche ohne Schuhe.

2 Gedanken zu: Wie ich laufe

    1. Liebe Angelika,

      Abrieb vermeiden meint: weder beim Aufsetzen noch beim Abdrücken eine Reibung erzeugen. Wer mit Schuhen läuft, spürt diese Reibung nicht, kann sie aber – falls er sie erzeugt – nach vielen Laufkilometern sehen, wenn er die Abnutzung der Schuhsohlen anschaut. Wer ohne Reibung läuft, dessen Schuhsohlen nutzen sich kaum ab, vor allem nicht an bestimmten Stellen mehr als an anderen. Ganz deutlich tritt die Reibung beim schnelleren Laufen auf, deshalb tragen ja Sprinter auch Spikes, damit die Schuhe auf dem Boden haften und nicht nach hinten wegrutschen – auch das ist Reibung. Dass der Fuß beim barfüßigen Laufen – anders als beim ChiRunning – nicht flach aufgesetzt wird, hat mit der Reibung nichts zu tun, sondern eher damit, dass die Dämpfung über die Sprunggelenke umso besser funktioniert, je mehr man sie arbeiten lässt; gerade auf unangenehmem Untergrund braucht der Barfußläufer mehr körpereigene Dämpfung, damit er sich nicht verletzt.

      Liebe Grüße
      Wolfgang (nicht Thomas)

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