Wir wären alle gesund

Angenommen, der Zufriedenheitsgrad eines Menschen entspricht in etwa dem Saldo aus guten und schlechten Gefühlen. Weiterhin angenommen, dass Laufen gute Gefühle erzeugt. Was spräche dagegen, genau so viel zu laufen, dass alle schlechten Gefühle durch die guten „in Schach gehalten“ werden?

Bevor ich jetzt in Verdacht gerate, ein mechanistischer Psycho-Buchhalter mit Hang zum großen Saldo zu sein, einige Erklärungen:

  • Nicht alle Gefühle sind gleich intensiv: ein schlimmes Gefühl kann zehn gute aufwiegen und (glücklicherweise auch) umgekehrt.
  • Es gibt eine Grundstimmung, die von der Tagesform nur wenig beeinflusst wird. Um diese zu ändern, müssen viele Tagesformen in die selbe Richhtung wirken.
  • Laufen ist nicht der einzige körperliche Psycho-Drops. Alle Aktivitäten, die unseren natürlichen Bewegungsmustern entsprechen, sind geeignet.

Der letztgenannte Punkt verdient – in einem Laufblog sowieso – besondere Beachtung: selbstverständlich ist es völlig egal, welche angeborene und daher körperlich leichtgängige Bewegung wir ausführen, sie sind alle dazu geeignet, uns über die körperlichen Rückmeldungen gute Gefühle zu vermitteln. Denken wir in Sportarten, so gibt es allerdings Einschränkungen, was die Natürlichkeit betrifft. Daher nehme ich hier auch die Sportart, die wir schon am längsten beherrschen: das Laufen.

Die zweite Frage ist die der Übereinstimmung mit unseren natürlichen Bewegungsmustern. Schaut man sich das Teilnehmerfeld bei großen Volksläufen an, kommen ernsthafte Zweifel, ob das alles natürliche Bewegungen sind. Und hier kommt der zweite große Saldo ins Spiel: wir laufen so, wie unser Körper sich ein Leben lang entwickeln durfte („Bier formte diesen Körper…„). Meint: wer den ganzen Tag auf dem Allerwertesten verbringt, sich durch Bildschirmarbeit oder ähnliche, die Wirbelsäule fixierende Tätigkeiten einer jahrelangen motorischen Umerziehung unterwirft, wird kaum in der Lage sein, frei wie die kleinen Kinder (oder die indigenen Völker ohne monotone Erwerbsarbeit) zu laufen. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem solchen Laufen Signale des Wohlbefindens, ja des Glücks in der Bewegung zu empfangen, ist eher gering. Wenn das Laufen aber nur eine gute Sauerstoffversorgung („geistige Frische“) bringt, der Aspekt der Bewegungsfreude aber wegen unserer Rückenverspannungen untergeht, nutzen uns auch die Trostpflästerchen perfekte Laufbuchhaltung oder gute Wettkampfergebnisse nichts.

Ich schreibe in diesem Blog in erster Linie, weil ich das Laufen für eine Bewegung halte, die aus sich heraus Lebensfreude generieren kann; weil ich das selbst als großes Glück empfinde und dieses so gerne – im Web leider nur auf sprachlicher Ebene – teilen möchte. Meine „Zauberformel“ lautet daher: lebe so, dass dein Laufen dein Leben verbessert, finde die Stellschrauben, die deinen Körper im täglichen Leben abstumpfen und drehe so lange an ihnen, bis du dich intensiver spürst und schon in der Bewegung erkennst, was dir körperlich gut tut und was nicht. Dein Laufen ist ein wunderbarer Indikator dafür. Ein paar Beispiele für bösartige, aber nicht immer offensichtliche Stellschrauben:

  • Dein Bürostuhl. Egal wie ergonomisch er geformt ist: länger als 20 Minuten solltest du nicht in der selben Position verharren. Der Rücken freut sich über jede Bewegung. Also öfter mal aufstehen und die Wirbelsäule bewegen.
  • Deine Schuhe. Ein Lauf-Freund von mir ist seine Beschwerden mit der Plantarsehne nicht dadurch losgeworden, dass er andere Laufschuhe getragen hat, sondern nachdem er seine festen „Business Schuhe“ gegen weichere und weiter geschnittene getauscht hat; zum Glück hatte sein Arbeitgeber nichts dagegen.
    Wir unterschätzen meistens den Beitrag, den das alltägliche Leben mit seinen Gewohnheiten auf unseren Körper hat.
  • Dein Zeitmanagement. Wenn du stolz darauf bist, in einer gegebenen Zeit maximal viele Aktivitäten unterzubringen, dann machst du definitiv zu wenig Pausen. Frei nach Laotse: „30 Speichen treffen die Nabe; die Leere dazwischen macht das Rad.“ ist es der Hintergrund, vor dem der Vordergrund erst seine Bedeutung erhält. Ein Leben wie ein Wimmelbild schafft nur kurz vor dem Einschlafen einen kurzen Moment der Befriedigung, weil man ja wieder 1.000 Gegener geschlagen hat und daher zufrieden sein muss. Nutze Momente ohne Aktivität, lass in der U-Bahn das Smartphone in der Tasche und genieße es, dich zu entspannen, während du das unnötig hektische Treiben um dich herum beobachtest.
  • Die Karriere. Der mit Abstand schlimmste Stressor: wer sich ständig kontrollieren muss, damit er den Steigbügelhaltern seiner Karriere immer als der jeweils beste Kandidat für den nächst besseren Posten erscheint, wird niemals merken, dass die Karriereleiter nur das Innere des Hamsterrads ist.
  • Deine Gadgets. Kauf dir nichts, was deinen freien Geist an sich bindet, sonst wirst du zum Sklaven deiner Besitztümer. Schlafe nicht vor dem Apple-Store, um als erster das neue IPhone zu bekommen. Genieße es, mehr freie Zeit als deine Nachbarn zu haben, die immer auf dem Sprung sind, um das nächste Schnäppchen zu ergattern.

Wenn du es schaffst, Verspannungen nicht dauernd neu „zu laden“, wirst du langsam (auch hier ist es besser, sich Zeit zu lassen, als alles sofort erreichen zu wollen) entspannter. Du läufst besser und damit läuft es auch für dich besser.

4 Gedanken zu: Wir wären alle gesund

  1. Hallo, Wolfgang,

    wo darf ich hier unterschreiben ?

    Du hast das wunderbar formuliert, was ich schon seit Jahren empfinde, praktiziere und wofür ich auch hin und wieder missionarisch unterwegs bin, weil ich nicht (mehr) anders kann, Unwissenden das nahezulegen, was schlichtweg gut tut, denn das Leben ist laufenswert !

    “ Ich schreibe in diesem Blog in erster Linie, weil ich das Laufen für eine Bewegung halte, die aus sich heraus Lebensfreude generieren kann; weil ich das selbst als großes Glück empfinde und dieses so gerne – im Web leider nur auf sprachlicher Ebene – teilen möchte. “

    Um andere mit meiner Lauffreude außerhalb meines Blogs zu infizieren, leite ich seit vielen Jahren mit großer Freude und Erfolg Laufkurse für Anfänger jeder Altersklasse, um sie dann irgendwann los zulassen mit der Erkenntnis: Das Leben ist laufenswert !

    Gruß von der nassen, stürmischen Ostsee ! 😎

    1. Liebe Margitta,

      ich wünsche dir jederzeit aufgeschlossene Teilnehmer für deine Laufkurse und dass es dir gelingt, sie alle mit dem Laufvirus zu infizieren. Laufen, Lachen und die Wärme des Herzens sind ansteckend. Für (oder besser gegen) die derzeitige miese Stimmung im Lande würde ich mir eine Lauf-, Lach- und Nächstenliebe-Pandemie wünschen.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang,

    Mich holt vor allem der zweite Teil des Beitrags ab – die Stellschrauben. Ich kenne sie, doch es fällt mir immernoch manchmal schwer, dieses Wissen auch entsprechend umzusetzen 😉 … Ich kämpfe da vor allem mit der Omnipräsenz von I-phone, -pad bzw. e-Mail-Account.

    Die Karriereleiter als Inneres des Hamsterrades, das ist echt schön formuliert!

    Zum ersten Teil ist vielleicht noch anzumerken, dass wahrscheinlich auch viele Menschen gerade deswegen mit schlechten Gefühlen kämpfen, weil sie sich gar nicht mehr adäquat bewegen können.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      den Eindruck, dass sich viele Menschen gar nicht mehr adäquat bewegen können, habe ich auch. Mir tun vor allem die vielen Kinder und Jugendlichen leid, die über die appetitanregende, industriell hoch optimierte Nahrung bei gleicher Sättigung viel dicker werden als die Generationen vor ihnen und die dann in einen Teufelskreis aus Bewegungsarmut, Medienkonsum und Frustfressen geraten, der sie immer mehr ihre natürlichen Bewegungen verlieren lässt. Oder die armen Alten, die beim Discounter den günstigen Rollator kaufen, weil sie einen Komfortgewinn erwarten und dann zwei Jahre später ohne das Ding nicht mehr laufen können, weil sie inzwischen die Statur einer Bogenlampe angenommen haben (ich rede hier nicht von denen, die so ein Gerät aus medizinischen Gründen brauchen).

      Das mit der Karriereleiter und dem Hamsterrad stammt übrigens nicht von mir. Ich habe das in dem Film „Mit Burnout durch den Wald“ (2014) aus dem Munde des Langzeitarbeitslosen Alfred (genial gespielt von Martin Brambach) gehört, der sich und andere mit dem Spruch tröstet.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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