Wissen für Waldläufer

Wenn wir achtsam im Wald laufen, ahnen wir, von vielen faszinierenden Lebewesen umgeben zu sein. Die größten von ihnen – die Bäume – sehen wir (zumindest oberirdisch) so gut, dass wir dazu neigen, den Rest zu übersehen. In diesem Zusammenhang bekommt das Sprichwort „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ eine neue, tiefere Bedeutung. Das Treiben unter der Erdoberfläche bleibt vor unseren Augen versteckt, unabhängig davon, ob es sich um die Vorgänge im Wurzelwerk der Bäume, das Leben der Mikroben oder die komplexen Aktivitäten der Pilze handelt. Nicht, dass man all dies kennen muss, aber eine geballte Ladung neuer Informationen über das Leben im Wald kann die Augen öffnen und für ganz neue, erfüllende Lauferlebnisse sorgen.

Der Förster Peter Wohlleben hat jetzt ein Buch über Bäume geschrieben.

Esoterik?

Als ich das Buch im Handel entdeckte, vermutete ich bei dem Text auf der Rückseite („Im Wald geschehen die erstaunlichsten Dinge: Bäume (…) umsorgen nicht nur liebevoll ihren Nachwuchs, sondern pflegen auch alte und kranke Nachbarn…“) einen weiteren Esoterik-Schinken aus der Reihe: „Du kannst mit allen Lebewesen kommunizieren, wenn du es nur glaubst“. Nicht dass ich all das kategorisch ausschließe; ich sehe nur, auf welch seltsame Wege es die Gläubigen verschlägt, wenn sie erst anfangen, ihre Welt nach bestimmten (und oft eher dem Guru ihrer Pseudo-Religion dienlichen) Denkschemata zu interpretieren.

Beobachtungen, Erfahrungen… und Wissenschaft

Bei Peter Wohllebens Buch war mein erster Eindruck falsch und bin froh, es gekauft – und gelesen – zu haben. Er beschreibt viele Beobachtungen seiner langjährigen Tätigkeit als Förster und deren wissenschaftliche (n der Regel gut nachvollziehbare) Grundlage. Trotzdem wirken seine Schilderungen zu keiner Zeit trocken und abstrakt, denn er versucht, sie aus der Perspektive der Bäume zu erzählen. Eine Perspektive, die für uns kleine, kurzlebige Säugetiere gewöhnungsbedürftig ist. Aber schon bald beginnt man, die offensichtlichen Fähigkeiten der Bäume zu begreifen und ihre vielen erstaunlichen Leistungen zu bewundern. Meistens sind es die Aufgaben, denen sich ein Baum stellen muss (Ernährung, Aufwachsen, Fortpflanzung, Verteidigung gegen Schädlinge, Gemeinschaften mit Artfremden bilden, Wanderung, Anpassung an veränderte klimatische Verhältnisse etc.), deren Lösung den Leser fasziniert.

Ich kann das kurzweilige und warmherzig geschriebene Buch allen Läuferinnen und Läufern empfehlen, die sich dafür interessieren, in welch unglaublichem Universum ihre Laufstrecke liegt; natürlich auch allen, die nicht im Wald trainieren 🙂

Mit anderen Augen durch den Wald?

Seitdem ich das Buch gelesen habe, unterbreche ich meine Waldläufe öfters mal, um mir Bäume (oder auch nur die Ringe eines Baumstumpfs) genauer anzusehen und vieles von dem zu vorzufinden, von dem ich in Peter Wohllebens Buch gelesen habe.

Meinen König des Waldes (kurz erwähnt in Lauf, Forrest, lauf!) konnte ich nach der Lektüre des Buches als Buche identifizieren. Und als Zwiesel (er teilt sich in zwei gleich starke, gleich hohe Stämme auf), dessen Wuchsform für Bäume nicht unproblematisch ist. Er aber steht majestätisch und ohne erkennbare Schäden an der höchsten Stelle meiner Waldrunde. Und jetzt kommt er mir noch königlicher vor.

Welche Majestäten gibts in Eurem Wald?

4 Gedanken zu: Wissen für Waldläufer

  1. Hallo Wolfgang,
    ich bin über Sebastians Blog zu Dir gelangt und habe in den letzten Tagen etwas quer gelesen und bin an dem einen oder anderen Beitrag hängen geblieben. Vielen Dank für Deine vielen Erfahrungen und Gedanken an dieser Stelle.
    Ich bin auch bei weitem kein Esoteriker, dennoch kann ich einiges, was der Herr Förster schreibt sehr gut nachvollziehen, ich denke schon, dass es eine Kommunikation im Wald gibt, nur hören wir sie nicht – das hört sich etwas abgedreht an 😉 Aber ich habe immer wieder den Eindruck, wenn ich bestimmte Veränderungen im Wald bemerke, die nicht von Menschen gemacht sind, dass dies für den Wald immer einen Sinn hat.

    Mein König des Waldes steht am Waldrand auf einem erhöhten Punkt und ist ein toter Baum, der mich jedoch immer wieder zum Verweilen einlädt, denn er genießt einen herrlichen Ausblick in drei Himmelsrichtungen ins Tal….

    Salut
    Christian

    1. Hi Christian,

      danke schön für das Feedback zu meinen Beiträgen. Und dein Eindruck, dass im Wald Dinge geschehen, die wir zwar bemerken können, die uns aber nicht immer verständlich sind (für den Wald schon, aber warum sollte er sie uns erklären?), bestätigt den Inhalt des Buchs, über das ich hier geschrieben habe.

      Wie ich bei dir lese, bist du auch ein leidenschaftlicher Läufer, dem auch viele andere Dinge wichtig sind, die nicht oder nur mittelbar mit dem Laufen zu tun haben (dein Beitrag „Purpose of life“). Das finde ich gut und wünsche – wenn ich darf – ab und zu weitere solche tollen Beiträge 🙂

      Deinem König des Waldes wünsche ich, dass er (wenn auch als toter Baum) noch viele Jahre dort steht und dir als ruhender Pols für deine Laufeinheiten dient.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang,

    Ich empfinde seit jeher eine tiefe Verbundenheit zu Bäumen. Ich kann nicht genau sagen warum. Ihre intensive Erdung, ihr Alter, das majestätische Aussehen und dann noch die angenehme Luft unter ihnen.

    Ich habe unter anderen z.B. einen lächerlich kleinen Quittenbaum im Garten, der im Sommer gerade mal für meinen Stuhl Schatten zu spenden in der Lage ist, aber vergleiche ich das Sitzen in seinem Schatten mit dem unter dem Sonnenschirm, so liegt der Erholungswert Welten auseinander.

    Zu deiner Frage: ich habe bisher keinen ausgewählten König, der alle anderen in den Schatten stellt. Ich liebe sie vielmehr alle, meine lächerliche Quitte wie die mächtigen Eichen im Wald. Die Bäume mit Laub vielleicht ein wenig mehr als die mit Nadeln.

    Achja, und es gibt Monate, da erwidern manche meine Liebe nicht. Ich spreche von Hasel, Erle und Birke… Aber das ist ein anderes Thema 😉

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      um ganz ehrlich zu sein: ich hatte bei der Frage nach den Majestäten eher an große Bäume gedacht.
      Glücklicherweise bringst du die kleine Quitte ins Spiel, und mir fällt unser kleiner Hund Fredy wieder ein, der leider im letzten Oktober (am Tag des Marathons in Frankfurt) von uns gegangen ist. Er war der Prototyp einer kleinen Majestät. Wenn große, junge, ungestüme Hunde auf ihn zustürmten, bleib er ruhig stehen und schaute sie solange freundlich an, bis sie ihn genauso freundlich ansahen und ruhig wurden. Er war einfach in Haltung und Verhalten groß, und da spielte seine tatsächliche Größe überhaupt keine Rolle. Das merkten die anderen Hunde übrigens viel schneller als die Menschen, die ihn immer als kleinen süßen Hund sahen. Aber in Wirklichkeit („wirken“) war er groß – wie deine Quitte.
      Danke fürs Öffnen meiner Augen und liebe Grüße
      Wolfgang

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