Zehner ohne

Es gibt Tage, da klappt einfach alles. Und andere, an denen gar nix geht. Manche Tage aber wandeln sich auf geheimnisvolle Weise, um uns zu überraschen. Und natürlich ist es besser, sie fangen schlecht an und enden gut.

Heute war so ein Tag. Weil ich gerne wissen wollte, ob meine Füße schon robust genug sind für einen kurzen schnellen barfüßigen Laufwettkampf, habe ich mich beim HK-Kreisstadt-Lauf angemeldet. Das ist ein 10KM-Wettkampf, der von der neuen Kreisstadt Hofheim zur früheren Kreisstadt Höchst geht. Kurios ist, dass Höchst zwar der Sitz der Kreisverwaltung war, selbst aber nicht im Main-Taunus-Kreis liegt, sondern zur Stadt Frankfurt am Main gehört.

Start des Laufs war um 10:00 Uhr. Bis zum Start waren mir jedoch schon zwei blöde Sachen passiert:

Gleich nach dem Aufstehen merkte ich einen kurzen stechenden Schmerz im Lendenwirbel-Bereich. Ursache war sicher mein schweres Heben gestern. Ich versuchte daher, durch vorsichtige Bewegungen und leichte Selbstmassage das Stechen wieder wegzukriegen. Als ich das Haus verließ, war es zwar noch leicht zu spüren, aber es schien so, als würde es mich nicht beim Lauf behindern.

Das zweite war ein eigenartiges Ziehen in der linken Wade, als hätte ich in der Nacht einen Krampf gehabt. Ich bemerkte es beim Einlaufen, und ich lief schon ziemlich langsam. Was wäre, wenn das Ziehen sich beim schnelleren Laufen zu einer Verhärtung ausweiten würde? Ich merkte zwar inzwischen nichts mehr vom Stechen im Rücken, aber dafür war jetzt die Wade da.

Als ob sich der alte Spruch meines alten Laufkumpels Tommy bewahrheiten wollte („nie werden gleichzeitig so viele Leute gesund wie beim Startschuss“), war weder Rücken noch Wade noch zu spüren, als um 10:00 Uhr der Countdown lief und sich die ca. 1.300 Läufer in Bewegung setzten. Zwar war ich heilfroh, ohne Wehwehchen loslaufen zu können, aber schon für die 10m zur Startlinie (ich stand nicht ganz vorne) brauchte ich ca. 20 Sekunden, so groß und träge war der Pulk, in dem ich steckte. Macht ja nix, wird ja Netto berechnet. Die Zeit fängt für mich an zu laufen, wenn der Chip an meinem Knöchel über die erste Matte läuft.

Mein Traum: unter 40 Minuten

Kaum hatte ich meine Stoppuhr gestartet, schon hatte ich Problem Nr. 3: vor mir befanden sich viele Läufer, die deutlich langsamer liefen. Und damit nicht genug: die ersten 500m gehen kontinuierlich bergauf. Das ist zwar gleich auch der letzte nennenswerte Anstieg, aber er führt dazu, schon auf dem ersten KM deutlich langsamer als die pro KM geplante Geschwindigkeit zu laufen – oder gleich am Anfang maßlos zu überziehen. Bei mir kamen noch die langsamen Läufer dazu, und so stand bei KM [ 1 ] schon 4:20 auf der Uhr.  Also mussten bis zum Ziel 20 Sekunden aufgeholt werden. Eine schwere Hypothek!

Nach dem ersten Kilometer geht es dann auf einer langen Ausfallstrasse über freies Feld. Zwar kaum merklich bergab, aber mit störendem Gegenwind. Das Schild [ 2 ] habe ich dann irgendwie übersehen und war gespannt, was bei [ 3 ] auf der Uhr stehen würde: 7:54 für die letzten zwei KM. Schade! Ein rasches Aufholen der 20 Sekunden war damit außer Reichweite.

Jetzt kam ein Stück Feldweg neben dem Krifteler Autobahndreieck, welches keinen komfortablen Untergrund mehr hatte: rauher Asphalt und darauf vereinzelte Splitt-Steinchen. Nichts, worauf man gerne bei voller Geschwindigkeit mit der nackten Fußsohle tritt. Ich war heilfroh, als es dann bei [ 4 ] (die Uhr zeigte genau 4:00 für den letzten KM) unter der Autobahn durch nach Zeilsheim ging, und die breite Strasse keinen rauhen Asphalt mehr hatte. Bei [ 5 ] zeigte die Uhr 3:56 und bei [ 6 ] sogar 3:52. Jetzt hatte ich das Gefühl, einen Teil der anfänglichen 20 Sekunden aufgeholt zu haben. Dummerweise führte die Strecke jetzt zwischen einem Bahndamm und Kleingärten hindurch, und der Asphalt war hier schon ziemlich erodiert. Also: Füße leichter aufsetzen und weniger abstoßen. Dazu kam, dass hier, wo es enger war als noch vor ein paar hundert Metern, die 30 Minuten vor den Läufern gestarteten Walker in Gruppen liefen. Nach 1,3 KM Quälgeist-Strecke kam wieder Straße, was ein Glück. Und das beste war: die Uhr hatte zwischenzeitlich bei [ 7 ] eine Gesamtzeit von 28:00 Minuten, jetzt also exakt der 4er Schnitt, den ich nur noch bis ins Ziel durchhalten musste. Dummerweise fing es langsam an, mühsam zu werden.

Um nicht auf den letzten Kilometern schlapp zu machen, nahm ich ein ganz klein wenig Speed raus und musste bei [ 8 ] eine Zeit von 4:02 lesen. Nicht schlimm, aber jede Sekunde musste dann auf dem letzten KM wieder „verdient“ werden. Immerhin kam die Kraft langsam wieder zurück, nicht zuletzt wegen der Aussicht, bald im Ziel zu sein. Bei [ 9 ] zeigte die Uhr knapp 4 Minuten und bei KM 9,3 ging es ca. 300 Meter spürbar bergab. Jetzt die Beine lang machen und Sekunden gewinnen. Warum? Weil die letzten Meter über Kopfsteinpfaster (Barfüßers Liebling) führen. Zähne zusammenbeißen und durchhalten und jetzt kommt endlich die scharfe Linkskurve, die direkt in den Hof des Höchster Schlosses (DAS ZIEL) führt, dummerweise jetzt nochmal 30 Meter krass bergauf. Aber man sieht das Ziel, eine letzte Anstrengung und alles ist vorbei. Meine Uhr zeigte für den letzten KM 3:53 an und als Gesamtzeit 39:56. Eieiei: das war so knapp, dass schon ein stärkerer Gegenwind auf der langen Ausfallstrasse am Anfang die 40 Minuten gesprengt hätte.

In der offiziellen Ergebnisliste konnte ich dann eine Brutto-Zeit von 40:12 lesen und eine Netto-Zeit von 39:53.

Im Ziel: Euphorie und ein Geschenk on top

Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob ich die 40 Minuten packen würde. Sicher wäre ich mit Schuhen um die 20 Sekunden schneller gelaufen, weil ich als Barfüßer auf den schlimmsten Stellen versucht habe, einfach mit viel weniger Druck auf dem Fuß zu laufen. Darauf kam es aber nicht an: ich wollte mir einfach beweisen, dass meine Füße schon so weit sind, dass ich Straßenwettkämpfe ohne Schuhe laufen kann, und zwar auf Zeit und nicht auf Genuss, wie meinen Marathon Ende Oktober 2014. Das Gefühl, so schnell ohne Schuhe unterwegs zu sein, war den kleinen zeitlichen Nachteil auf jeden Fall wert. Ohne Bewegungseinschränkung und mit dem tollen Gefühl, den Boden unmittelbar und intensiv zu spüren und sogar die Bodentemperatur differenziert wahrzunehmen, das war es mehr als wert.

Nach dem Duschen habe ich dann am linken Zeigezeh eine kleine Blase entdeckt. Ein Zeichen, dass der schnelle Zehner schon grenzwertig war. Allerdings habe ich mir Blasen dieser Art öfters mal geholt. Nach zwei Tagen sind sie zwar noch zu sehen, aber nicht mehr zu spüren, und sie stören auch beim Laufen nicht mehr. Als riesiges Trostpflaster für die Blase habe ich aber auf der Ergebnisliste gesehen, dass ich von den ca. 1.300 Läufern Platz 29 erreicht und in meiner Altersklasse M55 sogar gewonnen habe. Alles ohne Schuhe.

Bingo!

9 Gedanken zu: Zehner ohne

  1. Stark – ganz ♥-lichen Glückwunsch, barfuß und in der Altersklasse M 55, da hast du doppeltes Lob verdient, ich stelle mir das gerade bildlich vor, wie du unten ohne im Ziel eingelaufen bist, so manchen seltsamen Blick wirst du schon geerntet haben !!

    Bingo !!

    1. Hi Margitta,

      danke für den Glückwunsch! Seltsame Blicke gab’s bestimmt einige. Die meisten habe ich vor dem Start genießen können.
      Und weil ich beim Start einen ganzen Pulk vor mir hatte, ergab sich das Vergnügen, den ganzen Lauf hindurch immer wieder andere Läufer zu überholen. Und mindestens 20 Mal hab ich dann hinter mir Sätze gehört wie „he, guck mal, barfuß!“ oder „haste den gesehen eben?“. Das war wirklich lustig.

      Ansonsten dürfte dem Publikum im Ziel eher mein ziemlich gequälter Gesichtsausdruck aufgefallen sein, denn auf den letzten Metern wollte ich die 40 Min. nicht mehr reißen.
      Aber 10 Sekunden hinter der Ziel-Linie ging auch in meinem Gesicht wieder die Sonne auf 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Hi Wolfgang, das find ich mal ganz große klasse 🙂
    So eine Zeit schaffen viele nicht mit ihren sauteuren „Hightech“-Schuhen.
    Respekt und Hut ab!

    1. Hi Oliver,

      mögen die Hightech-Schuhe auch sauteuer sein, meine Füße sind inzwischen unbezahlbar 🙂
      Kein Multimilliardär könnte sie sich kaufen.
      Die einzige Währung, für die sie zu haben sind, hat Münzen aus Geduld und Scheine aus Vertrauen.

      Ja, der Zehner war das erste meiner drei Barfuß-Projekte in 2016.
      Aber das ist eine andere Geschichte, die ich in einem eigenen Beitrag etwas ausführlicher beschreiben werde.

      Liebe Grüße und danke für den Hut 🙂
      Wolfgang

  3. Hallo Wolfgang,

    auch ich möchte Dir meinen Respekt zollen. Unter 40Min. barfuss und Altersklassensieg – Wahnsinn!

    1.300 Starter bei einem 10k – keine zehn Pferde brächten mich da an den Start 😉

    Ich war letzte Woche in Schwalbach, hatte jedoch mit einer Bronchitis zu tun, weshalb ich davon abgesehen habe, bei Dir zwecks gemeinsamen Lauf anzuklopfen. Aber ich bin voraussichtlich noch öfter da, und dann… allerdings nicht im 4:00 Min-Takt, aber das weißt Du ja.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      vielen Dank für deinen Respekt; ich muss aber ganz ehrlich zugeben, dass der Altersklassensieg dem glücklichen Umstand geschuldet ist, dass ich dieses Jahr 55 werde und daher jetzt schon in der M55 gewertet werde. Damit gehöre ich zu den Youngsters in der AK. In der M50 hätte ich bei gleicher Zeit „nur“ den 5. Platz belegt, deshalb auch die Überschrift „…ein Geschenk on top“.

      Den HK-Kreisstadtlauf habe ich sentimentalerweise (trotz der vielen Teilnehmer) genommen, weil dieser Lauf mein erster Zehner war, nachdem ich vor etwa 15 Jahren mit dem Laufen anfing. 2002 kam ich in der M40 mit einer Zeit von 42:29 ins Ziel, später hab ich dann sogar meine zweitbeste Zehnerzeit (3,5 Min. schneller als gestern) bei diesem Lauf erreicht, allerdings bei besserer Vorbereitung: „train hard, win easy“. Heute mach ich es umgekehrt: „train easy, win hard“. Da ich ja nur einen Wettkampf im Jahr mache (2016 ausnahmsweise mal zwei), ist das doch die weitaus bessere Variante, oder?
      Und „train easy“ heißt auch mit dir zusammen so locker laufen, dass es uns beiden gut tut und Spaß macht, wenn sich mal wieder eine Gelegenheit ergibt.

      Liebe Grüße und alles Gute – nicht nur für deine Bronchitis!
      Wolfgang

  4. Hallo Wolfgang,
    schau immer mak wieder vorbei hier, klasse Ergebnis, deine Füße sind ja schon super trainiert, da bin ich direkt ein bisschen neidisch 😉
    Bei diesem Wetter barfuß laufen ist schon fantastisch.
    VG. Günther

    1. Hi Günther,

      das mit dem „bisschen neidisch“ kenne ich auch gut. Es gibt nämlich immer einen, bei dem alles besser klappt als bei einem selbst. Einen, der darüber Bücher schreibt wie Michael Sandler, oder der das schon sehr lange betreibt wie Barefoot Ted. Gerade beim Barfuß-Laufen spielt die Zeit, die man sich für die Anpassung lässt, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ich habe Ende Juli 2011 mit dem Laufen ohne Schuhe angefangen und jedes Jahr spürbare Verbesserungen erlebt. Irgendwann – selbst wenn das Jahre dauert – ist man an einem Punkt angelangt, wo einem das Barfuß-Laufen lieber ist als alles andere (inkl. Laufen in Minimal-Schuhen).
      Ich habe das Gefühl, der Zeitpunkt kommt wann er will, aber er kommt sicher, sobald man einmal angefangen hat, das Laufen mit wirklich freien Füßen zu lieben.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

      1. Hallo Wolfgang
        ja mit dem Zeit Nehmen hast du vollkommen recht.
        Ich bin so einer der gern mal überzieht .. Nach dem Motto es geht eh schon recht gut .. mit dem Ergebnis das die Wade oder Bänder ziemlich sauer werden.
        Nachdem ich beinahe 2Jahre mit Schuhlauferei Probleme mit der Achillessehne habe stelle ich aber fest das es sich paradoxerweise durch Barfusslaufen verbessert..
        Ich hab da festgestellt das ein aktiver Fußaufsatz und stetiges Dehnen der hinteren Oberschenkelmuskulatur extrem wichtig ist.
        VG. Günther

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